Könige sind selten in der Schweiz. Einen mehrfach gekrönten haben wir gefunden und besucht: Jörg Abderhalden, amtierender Schwingerkönig. Das Portrait eines Königs, der vor allem eines ist: eine bemerkenswerte und interessante Persönlichkeit.
Text Ruedi Maeder Foto David Küenzi
Eine Reise nach Nesslau
Das Toggenburg geizt nicht mit seinen Reizen und auch Nesslau zeigt sich von seiner besten Seite. Eingebettet in eine reizvolle Hügellandschaft liegt das Haus des Königs. Kein Holzhaus mit Blumentrögen, wie man vermuten könnte, wenn man sich von Klischees leiten lässt, sondern ein ultramodernes Haus in kubischer Form mit grossen Glasfronten und allerhand architektonischen Besonderheiten.
Und der Mann, der soeben in die Hauseinfahrt einbiegt, wirkt auch nicht wie ein König, sondern mehr wie der sympathische Nachbar von nebenan, der von der Arbeit nach Hause kommt. Falsches Haus und falsche Adresse? «Hallo», sagt er beim Aussteigen und lächelt breit, «hallo, ich bin der Jörg, wartet ihr schon lange?» Nein, wir warten noch nicht lange, eben erst angekommen und erfreut, eben doch in der Residenz des Königs gelandet zu sein.
«Ich bin der totale Familienmensch»
Statements eines Königs
Schwingerkönig werden
Am Eidgenössischen die meisten Durchgänge gewinnen – und schon ist mans.
Mehrfach Schwingerkönig werden
Gross und stark sein genügt heute nicht mehr, der Sport ist zu komplex. Wenn das Gesamtpaket stimmt, kann man Erfolg haben. Also Vorbereitung und sportliche Leistung einerseits, harmonisches Umfeld wie Familie, Job und Freunde andererseits.
Schwingerkönig bleiben
Das ist schwieriger. Nicht stehen bleiben und weiter an sich arbeiten – dann ist es anscheinend möglich. Schwingen ist Kult Stimmt, es hat sich viel getan in den letzten Jahren, aber wir sind noch nicht so weit, wie wir sein möchten.
Schwingen und Spitzensport
Vom Training und Anspruch her sind wir im Spitzensport. Vom Verdienst her sicher noch nicht.
Popularität und Privatsphäre
Wenn man Sponsoren braucht und im Markt Erfolg haben möchte, gehts nicht ohne Popularität. Möchte man seine Ruhe haben, könnte man genau das als negativ empfinden. Das Ganze hat zwei Seiten, klar, aber man muss ehrlich sein: Ohne Medien und den ganzen Rummel ist der Sportler eben auch niemand, keiner kennt ihn. Und man kann selbst dafür sorgen, dass die Waage irgendwie stimmt. Meine Frau unterstützt mich in allem, wir machen alles gemeinsam und bisher ist das ganz gut gegangen.
«Glück ist findbar, wenn man hinschaut»
Der Mensch Jörg Abderhalden
Menschlich bin ich schon etwas anders, als ich im Sport rüberkomme. Eher ausgeglichen und kein Angreifer. Konflikte versuche ich friedlich zu bewältigen und Probleme sind zum Lösen da. In Ruhe. Die werden ja nicht weniger, wenn man sich aufregt. Nervosität, Hektik und Ärger bringen einen nicht weiter. Kann ich die Probleme lösen, prima. Und wenn nicht, dann lass ich sie eben Probleme
sein und mache mich deswegen nicht verrückt.
Selbstbewusstsein
War schon immer da. Aber das wächst und entwickelt sich auch mit Erfolgen. Und es ist zentral wichtig, weil es einem hilft, die Dinge etwas aus der Distanz zu betrachten. Es ist auch ein natürliches und gesundes Schutzschild. Ich habe schon einige Male bewiesen, was ich kann, deshalb muss ich nicht überall und bei allem von vorne beginnen.
Familie
Die steht bei mir immer und absolut an oberster Stelle! Ich geniesse das Leben mit Andrea, mit Lynn und Terry. Wir haben es gut, das ist nicht selbstverständlich und wir wissen das auch. Die Familie ist mein Hafen und gibt mir Ruhe und Kraft.
Ausrasten
Gar nicht! Ich kann mich sehr gut wehren, aber ausserhalb des Rings versuche ich etwas darüberzustehen. Ich bin ehrlich und wenn mir was nicht passt, dann sage ich das auch. Aber ohne gleich auszuflippen, wenn ich anderer Meinung bin. Im Übrigen, Ruhe und Gelassenheit sind enorm starke Waffen.
Lebensmotto
Das passt grad dazu: «Was kümmerts die Eiche, wenn sich die Sau an ihr kratzt!?» Das Zitat ist jetzt weder grob noch überheblich gemeint, aber es kann helfen, man selbst zu bleiben und nicht unterschiedslos alles allzu ernst zu nehmen.
Haus und Wohnen
Ganz wichtig, gerade jetzt mit kleinen Kindern! Unser Haus war und ist unser gemeinsames Projekt. Idee, Stil und Raumaufteilung sind auf unserem eigenen Mist gewachsen. Andrea und ich haben zusammen das realisiert, was wir uns gewünscht haben. Und beim Wohnen ist der Küchentisch der zentrale Punkt, da trifft man sich, da wird vieles beredet.
Freude
Ich freue mich, wenn ich nach Hause komme und meine Kinder laufen mir lachend entgegen. Halt einmal mehr, meine Familie. Daraus schöpfe ich einfach viel und diese Freude hilft mir, auch Dinge zu bewältigen, die ich nicht so gerne mache. Freude ist, wenns den Kleinen gut geht und die Familie gesund und lustig ist.
Ehrlichkeit
Ich mag Menschen, die gerade heraus sagen, was sie denken. Ich bin auch so und schätze das Offene. Hinterlistigkeit ist ganz übel, lieber mal frontal und direkt, dann kann man darüber reden. Meine Schwingerkarriere und meine Erfolge waren und sind auch dafür eine gute Lebensschule. Ich habe inzwischen eine recht gute Menschenkenntnis und kann besser unterscheiden als früher.
Ziele
Andrea und ich sind viel gereist, als die Kinder noch nicht da waren. Also irgendwann mal wieder eine grosse Reise machen, klar, das wäre schön. Aber ich lebe heute und nicht in der Zukunft. Ich möchte für meine Familie da sein und den Kindern etwas mitgeben, das sie dann auch brauchen können. Also keine grossen Ziele irgendwann, sondern das, was man heute hat und macht, geniessen und dazu Sorge tragen, das ist mein Ziel.
Muni
Ja, ich habe schon ab und zu mal einen erhalten.
Glück
Ist findbar, wenn man hinschaut.
Arbeit
Wichtig und viel mehr als nur Geldverdienen. Etwas, dem man dermassen viel Zeit widmet, das muss Herausforderungen, Freude und Befriedigung bringen. Ist es nicht so, sitzt man am falschen Platz.
Luxus
Ohne mich jetzt wiederholen zu wollen, aber es liegt an deinen Fragen, deshalb: Mit der Familie ein gutes Leben und ein schönes Zuhause haben.
Reflexionen über König und Hofstaat
Ein König ist nichts ohne seinen Hofstaat. Interessant, dass das Königreich in Nesslau ohne straffe Hierarchien auskommt. Also doch kein Hofstaat und trotzdem ein König – ein sehr erfolgreicher dazu. Eigentlich ein Familienunternehmen im besten Sinne des Wortes. Eine ganz normale und harmonische Familie, die den Spagat zwischen Popularität und eigenem Leben mit Privatsphäre locker auf die Reihe kriegt. Und die mit ihrem Erfolg so bescheiden und natürlich umgeht, dass man sicher ist: Ohne sportliche Erfolge wäre das nicht anders. Wer weiss, vielleicht hat das eine mit dem anderen etwas zu tun – und möglicherweise zieht genau diese Entspanntheit den Erfolg auf unverkrampfte Weise an!?
Also, Familie Abderhalden, vielleicht auf ein nächstes Mal? Immerhin sind die letzten 28 Jahre im Leben eines Königs mehr als nur ordentlich verlaufen: tolle Familie, Erfolg im Beruf, dreimal Schwingerkönig, Triumphe am Unspunnenfest, und, und, und. Wir bleiben gespannt und behalten das Königreich und Familienunternehmen im Auge!
Der Steckbrief eines Köngis
Name Jörg Abderhalden
Alter 28 Jahre
Beruf Schreiner
Zivilstand verheiratet mit Andrea Abderhalden-Hämmerli
Familie Jörg, Andrea, Lynn und Terry
Passion Familie, Wohnen, Beruf, Sport, Jassen, Reisen, Schwingen
Schwingerkönig 1998, 2004 und 2007
Unspunnen-Sieger 1999